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Brauchen Kinder Schule? Ja! Und zwar nicht nur zum Lernen!

Ein Blick auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie

v. Susanne Weilinghoff, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

Wenn im Zusammenhang mit den Corona-Beschränkungen von Kindern und Jugendlichen die Rede war, standen bisher vor allem die Belastungen der arbeitenden Eltern durch das Betreuungsdefizit und die drohende Bildungsungerechtigkeit im Fokus. Selten wurde über die natürlichen Bedürfnisse für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen diskutiert.

Die aktuellen Beschränkungen treffen Kinder und Jugendliche in besonderem Maße, da sie aufgrund ihrer noch nicht ausgereiften Entwicklung besonders vulnerabel sind.

Wenn ein Kind oder Jugendlicher kaum noch Kontakte zu Gleichaltrigen hat, sich nur noch mit den geforderten Lerninhalten beschäftigt und anschließend vorzugsweise Medien konsumiert, sich kaum noch körperlich bewegt, dann kann es oder er sich nicht mehr als lebendig und selbstwirksam erleben. Es fehlen die Freude im Alltag, die Aktivierung, auch mal Herausforderungen zu meistern, sich im Kontakt mit anderen zu erleben und zu entwickeln.

Besonders die Altersgruppe der ab 12-jährigen scheint hier von den Maßnahmen besonders betroffen.

Ab 12 Jahren kann man sein Kind nicht mehr in einer Notbetreuung anmelden. Es wird einfach vorausgesetzt, dass man dieser Altersgruppe schon ein eigenständiges Lernen und eine selbstverantwortliche Alltagsorganisation zumuten kann. Es ist natürlich richtig, dass man älteren Kindern auch mehr zutrauen kann – aber es ist individuell sehr verschieden, wie selbständig ältere Kinder sind, und wieviel Unterstützung sie bei der Organisation der schulischen Inhalte benötigen. Und es ist auch nur in einem begrenzten zeitlichen Rahmen vertretbar.

Auch diese Altersgruppe hat Bedürfnisse, die für eine gesunde Entwicklung wichtig zu berücksichtigen sind:

Was nämlich nicht bedacht wird ist, dass vor allem die älteren Kinder und Jugendliche in besonderem Maße auf die eigene Altersgruppe bezogen sind. Sie sind ja entwicklungsbedingt eigentlich gerade dabei, autonom zu werden und sich von den Eltern zu lösen. Der Austausch und Kontakt mit Gleichaltrigen ist für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung von enormer Bedeutung. Und auch Spaß zu erleben, sich zu motivieren, zu aktivieren läuft in dieser Altersgruppe vor allem über die Peergroup ab und nicht über die Eltern!

Viele Jugendliche „hängen“ momentan wahrlich nur noch zu Hause ab. Der Medienkonsum und der Bewegungsmangel sind enorm gestiegen. Manche verlassen das Haus überhaupt nicht mehr – wozu auch?

Diese Entwicklungen sind auch aus professioneller Sicht bedenklich.

Sollten die aktuellen Beschränkungen für Kinder und Jugendliche noch länger andauern, so ist dies der Nährboden für die Entwicklung von psychischen Erkrankungen.

Aktuell erleben es vor allem die Eltern zu Hause: die Folgen sind eine gedrückte bis depressive mitunter auch eine aggressive Stimmung, es macht sich eine große Lustlosigkeit und quälende Langeweile breit. Es gibt den Begriff des Boreout (aus dem englischen 'boredem' = Langeweile), der beschreibt, dass eine chronische Unterforderung, zu wenig positive Reize, zu wenig Selbstwirksamkeitserleben zu ähnlichen depressiven Symptomen führen kann, wie ein Burn-out.

Schule ist ein Ort des Lernens - aber auch ein Ort der Begegnung und des sozialen Erlebens.

Sie berührt viele entwicklungsrelevante Themen bei Kindern und Jugendlichen. Für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen muss dieser Ort erhalten bleiben. Ein digitaler Unterricht wird weder dem Bildungsauftrag noch den vielfältigen Bedürfnissen der Kinder  gerecht!

Zu Beginn der Pandemie und der begleitenden Einschränkungen wurde immer wieder betont: „Wir schützen damit die Schwächsten unserer Gesellschaft“.

Kinder und Jugendliche gehören auch zu den Schwächsten unserer Gesellschaft und sind auf unsere Unterstützung und Fürsorge angewiesen.

 

Susanne Weilinghoff, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Telgte, 01.03.2021

Weitere Links zum Thema:
Offener Brief von über 300 Psycholog:innen, Kinder- & Jugendlichenpsychotherapeut:innen und Kinder- & Jugendlichenpsychiater:innen, (Stand: 28.02.21). Offenen Brief lesen